Viele Menschen warten am Abend auf der Breslauer Dominsel geduldig auf den Anbruch der Dämmerung. Dann ist es so weit – der Laternenanzünder ist da. Er trägt ein historisches Kostüm mit schwarzem Umhang, Hose mit Streifen und Zylinder. Mit einer 2,5 Meter langen Stange zündet er die 99 Gaslaternen auf der Dominsel an und löscht sie am Morgen wieder. Unbeeindruckt von den fotowütigen Zuschauern schreitet er von Laterne zu Laterne und weist Bitten nach Selfies mit ihm zurück. Auch auf Fragen antwortet er nicht. Er versieht seinen Dienst.
Erst am nächsten Morgen erfahren wir bei einer Stadtführung mit Izabela Zielinska-Kalita interessante Details: „Die ersten Laternen wurden im Jahre 1847 aufgestellt. Auf dem Höhepunkt erleuchteten 758 Laternen die Straßen der Stadt. Nach dem 2. Weltkrieg blieben nur wenige von ihnen erhalten. Erst in den 1990er Jahren hat die Stadt sie auf der Dominsel restauriert.“

Die Dominsel ist auch das älteste Quartier der Stadt. Historische Gebäude säumen die engen kopfsteingepflasterten Gassen. „Zu jedem von ihnen könnte ich interessante Geschichten erzählen, aber dafür reicht unsere Zeit nicht“, sagt Izabela. „Konzentrieren wir uns auf den Dom, das bedeutendste Bauwerk.“ Kenntnisreich informiert sie über seine Baugeschichte, seine Zerstörung im 2. Weltkrieg und den mühevollen Wiederaufbau. „Die beiden spitzen Helme sind erst 1991 wieder auf die zwei Türme zurückgekehrt,“ erklärt sie. Auch auf das Standbild von Kardinal Boleslaw Kaminski macht sie aufmerksam: „Der Kardinal schrieb 1965 den bedeutenden Hirtenbrief der polnischen Bischöfe an seine deutschen Amtsbrüder. Mit der darin enthaltenen Formulierung „wir vergeben und bitten um Vergebung“ leistete er einen entscheidenden Beitrag zur deutsch-polnischen Verständigung und Aussöhnung“.
Lebendig geht es auf dem Rynek zu, dem Platz rund um das mittelalterliche Rathaus in der Altstadt. Besonders am Abend erwacht hier das Leben. Restaurants, Cafes, Bars und Musikkneipen sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele junge Menschen sind unterwegs. Schließlich gibt es rund 140 000 Studenten in der 650 000 Einwohner zählenden Stadt, und internationale Unternehmen wie Google, IBM, Nokia oder Gigaset beschäftigen Tausende vor allem junge Experten. Manche sprechen vom polnischen Silicon Valley. Es herrscht Vollbeschäftigung, und die Menschen sind optimistisch.
Izabela zeigt uns auch einige der schönen Innenhöfe. „Viele sind versteckt, und deshalb gibt es kaum Touristen“, sagt sie und zeigt uns die Neon-Side-Galerie in der Ruska-Straße. Dort hängen 24 Leuchtreklamen aus der kommunistischen Zeit. Am stimmungsvollsten ist es am Abend, wenn das Leben in den Bars und Musikklubs der Passage tobt.
Breslau ist mit mehreren vom Michelin-Guide ausgezeichneten Restaurants auch die Gourmet-Hauptstadt von Polen. Im „Gustaw“ zum Beispiel serviert Küchenchef Kacper Sawori aus Masuren hervorragende Menüs mit einem guten Preis-Leistungsverhältnis. Es lohnt sich, die polnischen Weine zu probieren. Auch bei Mariusz Kozak kommen Feinschmecker auf ihre Kosten. Er setzt in seinem Restaurant „Acquario“, das sich in einem gläsernen Pavillon auf dem Dach des Traditionshotels Monopol befindet, auf feine internationale Küche. Bei schönem Wetter wird die Terrasse gleich nebenan zur angesagten Rooftop-Bar.
Ein Muss ist auch der Besuch der Markthalle. In dem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert werden auf zwei Ebenen an 190 Ständen frisches Obst und Gemüse sowie schlesische und polnische Wurst- und Käsespezialitäten angeboten. Honig direkt vom Imker und eingelegtes Gemüse werden auch gern von Besuchern gekauft.








