Rīga – Retro-Charme und art nouveau

Riga-Schriftzug am Schwarzhäupterhaus
Karsten-Thilo Raab Von Karsten-Thilo Raab
8 Min. Lesezeit

Nicht von ungefähr gilt Lettlands Hauptstadt als Perle des Baltikums: Rīga – wo Jugendstil-Drachen von den Fassaden blicken, Marktfrauen militärisch charmant verhandeln und die Altstadt wie eine Fußmassage mit Geschichtsbonus wirkt.

Irgendwie hat Lettlands Hauptstadt Rīga etwas von einer baltischen Version einer Wundertüte: außen kühl und nordisch elegant, innen quirlig, bunt und mit einem Hauch sowjetischer Nostalgie. Zwischen Jugendstilfassaden und hippen Cafés stolpert man durch eine Stadt, die sich nicht entscheiden kann, ob sie lieber melancholisch oder mondän sein will – und genau darin liegt ihr Reiz.

Petrikirche und Schwarzhäupterhaus

Altstadt mit Kopfsteinpflaster und Charakter

Die Altstadt von Riga wirkt wie ein gut sortiertes Antiquariat: verwinkelt, charmant und voller Geschichten. Wer hier morgens durch die Gassen schlendert, entdeckt an jeder Ecke einen neuen architektonischen Twist – Gotik küsst Jugendstil, Renaissance flirtet mit einem Hauch Sowjet-Retro. Ob das Schwarzhäupterhaus, ein gotisches Schmuckstück mit Renaissance-Flair am Rathausplatz, ob die Drei Brüder, das älteste Wohnensemble der Stadt, oder der Gang durch die Skarnu iela und Rozena iela, der schmalsten Straße Rīgas, – sie alle stehen für den charmanten Zauber der lettischen Hauptstadt.

„Der Gang durch unsere mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Straßen ist eine permanente Fußmassage und ein Stück weit eine Reise in die Vergangenheit“, räumt Andra Brice ein, dass ein Rīga-Rundgang bei aller Romantik eine Tortur für Leute ist, die Gehschwierigkeiten haben oder älter sind. „Dennoch kann sich wohl niemand der Faszination entziehen“, schwärmt die zweifache Mutter, die aufbauend auf ihr Geschichts- und Kulturstudium Interessierte in Französisch oder Englisch durch ihre Wahlheimat führt.

Lettische Nationaloper

Hoch hinaus mit Aussicht und Ausblick

Und was wäre geeigneter, als sich zunächst einen Überblick aus luftiger Höhe zu verschaffen: Die inmitten der Altstadt gelegene Petrikirche reckt sich gut sichtbar 123 Meter in den Himmel und lädt dazu ein, von der Aussichtsplattform in 70 Metern Höhe der lettischen Kapitals aufs Haupt zu schauen. Nicht minder an- und aussichtsreich ist der Blick von der frei zugänglichen Skyline Bar in der 26. Etage des Radisson Hotels.

Marktgeschrei mit Charme

Nur wenige Schritte vom historischen Zentrum entfernt erstreckt sich unter dem Dach von gleich fünf ehemaligen Zeppelin-Hangars der Zentralmarkt. Zwischen Räucherfisch, eingelegten Gurken, Roggenbrot und Honig in Gläsern verhandeln hier die Marktfrauen fast kollektiv mit einer Tonlage, die irgendwo zwischen liebevoll und militärisch anmutendem Kommando pendelt.

Nationalbibliothek

Jugendstil mit Drachenblick

Wer Rīga allerdings nur auf seine Altstadt reduziert, verpasst das eigentliche Spektakel: Das Jugendstilviertel rund um die Alberta iela fasziniert mit floralen Ornamenten, verspielten Türkäufen sowie Drachenköpfen und steinernen Gesichter, die von den Wänden herabblicken. Noch mehr Art nouveau finden Interessierte im Jugendstil-Museum, wo in einem prachtvollen Gebäude aus dem Jahre 1903 ein Blick in eine original eingerichtete Wohnung wartet.

„Vor allem Konstantīns Pēkšēns hat den Jugendstil in unserer Stadt nachhaltig geprägt und alleine rund 250 art nouveau Gebäude in Riga entworfen“, zeigt sich nicht Andra Brice von der Schaffenskunst des wohl bekanntesten lettischen Architekten begeistert.

Große Dame mit Strahlkraft

Die imaginäre Grenze zwischen der Neustadt mit ihren Jugendstil-Bauten und zahlreichen Botschaften sowie der Altstadt markiert das im Jahre 1935 errichtete, knapp 43 Meter hohe und weithin sichtbare Friedensmonument. Auf dem Postament des Denkmals erhebt sich ein 19 Meter hoher Obelisk, auf dessen Spitze sich die 9 Meter große „Allegorie der Freiheit“ befindet.

„Die Statue, die exakt an der Stelle steht, an der unter russischer Herrschaft das Denkmal von Zar Peter dem Großen stand, verkörpert die Selbständigkeit Lettlands“, erläutert Andra, dass die drei Sterne in den Händen der weiblichen Figur die drei historischen Regionen Lettlands – Kurzeme, Vidzeme und Latgale – symbolisieren.

Kultur mit Kaffeepause

Nur einen Steinwurf vom Friedensmonument findet sich mit der lettischen Nationaloper das kulturelle Aushängeschild von Rīga. Ein neoklassizistisches Schmuckstück, das nicht nur mit Aufführungen, sondern auch mit einem Café im Foyer lockt, in dem man sich wie ein Intendant auf Kaffeepause fühlt. Alternativ lädt das palastähnliche Art Museum Rīga Bourse dazu ein, die umfangreiche Sammlung, die von flämischen Meistern bis zu japanischen Lackarbeiten reicht, zu erleben.

Altstadt in Riga

Gänsehaut im „Corner House“

Einen ganz anderen Blickwinkel rückt derweil das „Corner House“, mit Gänsehaut und Geschichtsbewusstsein in den Fokus: einst war es das Hauptquartier des sowjetischen KGB in Lettland. Heute beherbergt es eine Ausstellung zur Arbeit des Geheimdienstes und bietet Führungen durch die original erhaltenen Räume.

„Wer mag, kann einen Blick in Gefängniszellen, Verhörräume und Innenhöfe – Orte, die einst Schauplatz politischer Repression waren“, unterstreicht Andra, dass die Tour nicht nur dunkle Kapitel der lettischen Geschichte greifbar macht, sondern auch eindrucksvoll an die Opfer des Regimes erinnert. Zudem, so die gelernte Historikerin weiter, sei das Gebäude während der sowjetischen Okkupation zum Symbol totalitärer Macht geworden. Auch im 21. Jahrhundert steht es als Mahnmal für eine Epoche voller Krieg, Unterdrückung und Leid – mitten im modernen Riga.

Szene mit Seele in Miera iela

Weiter geht es ins Viertel entlang der Miera iela. Zwischen Vintage-Läden, veganen Bistros und Plattenläden pulsiert eine kreative Szene, die sich nicht laut bemerkbar macht, sondern lieber mit einem Lächeln. Im „Taka“ gibt’s lokale Biere und Gespräche über lettische Literatur, im „Rocket Bean“ Espresso mit Charakter und im Laima-Schokoladenmuseum eine süße Zeitreise durch die Geschichte der lettischen Nascherei.

Flirren am Fluss

Wer noch mehr Rīga-Feeling aufsaugen möchte, schlendert durch das abends stimmungsvoll beleuchtete Spīķeri-Viertel am Daugava-Ufer, wo Galerien, Bars und Konzerte die Stadt in ein leises, kreatives Flirren versetzen. Unabhängig davon ist Rīga wegen seiner hohen Kneipen- und Club- Dichte ein Stück weit auch beliebter Treff der Feierlustigen. Im Cafè Cuba etwa legt ein DJ auf und bedient sich dabei ausschließlich Schallplatten aus Vinyl – und Rīga tanzt, als gäbe es kein Morgen.

Jugendstil-Museum

Kulinarik mit Charakter

Natürlich darf ein Streifzug durch die landestypischen Genüsse nicht fehlen. So sind etwa graudainā zupa (Graupensuppe), Speķa pīrāgi (Speck-Piroggen), Pelēkie zirņi ar speķi (graue Erbsen mit Speck), Kāpostu sacepums (Kohlauflauf) und Jāņu siers (lettischer Käse) unbedingt eine Versuchung wert. Ebenso wie das Sklandrausis, ein traditionelles Gebäck mit Karottenfüllung. Damit das Ganze besser rutscht, empfiehlt sich ein Kvass, ein Roggenbrotbier, oder ein Melnais balzams, Rīgas legendärer Likör aus Kräutern, Blüten, Ölen und Beeren.

Informationen: www.latvia.travel/de

Anreise: AirBaltic bietet Direktflüge von München, Wien und Zürich nach Rīga an. Besonderheit an Bord ist kostenfreies Wlan via Starlink.

 

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Karsten-Thilo Raab ist freier Reise-Journalist, Autor und Fotograf für eine Vielzahl von Zeitungen, Magazinen und ist immer wieder auch für uns tätig. Zudem hat er als Autor bislang mehr als 120 Bücher verfasst bzw. an diesen mitgewirkt.