Es ist ein grauer Sonntag in der bayerischen Metropole. An der S-Bahn-Station Donnersbergerbrücke versammeln sich nach und nach Touristen aus aller Welt, aber auch einige Einheimische sind dabei. „Wir haben von Freunden von dieser Stadt-Safari gehört“, sagt Florian, der Maschinenbau an der TU München studiert. „Die waren begeistert, und weil ich mich schon lange für Street-Art interessiere, habe ich mich für die Tour angemeldet. Ich bin jetzt wahnsinnig neugierig“.
Tour-Guide Martin Arz stellt sich kurz vor und prüft, ob die Gruppe komplett ist. Er kennt die vielfältige Street-Art-Szene der Stadt wie kein anderer. „In den 1980er Jahren war München europäischer Street-Art-Vorreiter“, erzählt er. „Da hatte man in Hamburg oder Berlin noch gar nichts von Sprühdosen gehört.“ Die deutsche Graffiti-Bewegung begann in der Nacht vom 23. auf den 24. März 1985, als im Bahnhof Geltendorf, Endstation der S-Bahn-Linie 4, der erste Zug in Europa besprüht wurde, erfahren wir.

Seither ist viel passiert. Riesige Wandgemälde, Schablonenarbeiten sowie 3-D-Objekte und Aufkleber bringen an vielen Stellen Farbe in Bayerns Hauptstadt. „Wir haben eine sehr aktive und bunte Szene, die sich hier an den Wänden und Mauern austoben kann“, sagt Arz weiter. Rund 60 Künstler haben zum Beispiel die grauen Pfeiler und Mauern der Donnersbergbrücke unentgeltlich verschönert und zu einer öffentlich zugänglichen Galerie gemacht. „Es ist die größte Open-Air-Galerie in Deutschland“, betont Arz. Viele Motive greifen kritisch aktuelle Themen auf, andere – wie ein Clown-Motiv – wollen einfach nur etwas Heiterkeit in die Tristesse bringen.

Sehenswert ist auch das MUCA, das Museum of Urban and Contempory Art, das sich in einem ehemaligen Umspannwerk und einem angrenzenden Luftschutzbunker befindet. Dort werden die Werke deutscher und internationaler Künstler der Urban- und Street-Art-Szene ausgestellt. Auch die Fassade des gegenüberliegenden Gebäudes ist Teil des Gesamtensembles und zeigt als MUCA Giant Wall wechselnde großflächige Outdoor-Kunstprojekte. Innen erwartet die Besucher eine außergewöhnliche Sammlung von Werken renommierter Künstler wie Bansky, Shepard, Fairey, Vhils und Herakut.

Wer selbst mal zur Sprühdose greifen möchte, kann sich im Kunstlabor 2 im Sprayen versuchen. Im ehemaligen Gesundheitszentrum gibt es nicht nur begehbare Kunst auf zwei Stockwerken, sondern auch Graffiti-Workshops. Etwas Theorie in Sachen Bildaufbau gibt es vorneweg, und dann schlüpfen die Teilnehmer in die Schutzkleidung und können an den Wänden des Innenhofs loslegen. Einfach ist es nicht, merken sie schnell, doch mit den Tipps von Kursleiterin Marian entsteht dann doch ein Graffiti, das sich sehen lassen kann.
Am nächsten Tag steht ein Treffen mit Christian Hagner in der Zenettistraße auf dem Programm. Der gebürtige Münchner ist stolz auf seine Stadt und zeigt Besuchern gerne das Schlachthofviertel. „Geschlachtet wird hier immer noch, aber große Teile der Fleischfabrikation und des Tierhandels wurden in den letzten Jahren ausgelagert. Für die frei gewordenen Flächen entstanden Zwischennutzungen, und es entwickelte sich ein Kreativquartier.“ Hagner führt uns zum Bahnwärter Thiel Areal. Dort türmen sich ausrangierte Tram- und U-Bahnwagen sowie Container. Sie beherbergen kleine Läden und Künstlerateliers. Auch gesprüht werden darf hier – ganz legal. Einige Wände des Viehhofs sind eine Open-Air-Galerie. Dort können sich Sprayer ohne Auflagen ausprobieren. Die Wände sehen ständig anders aus, aber bunt sind sie immer.
www.einfach-muenchen.de; www.erlebe-bayern.de
www.muenchen-safari.de; www.muca.eu; www.kunstlabor.org;





