Christiania – Kopenhagens anderer Stadtteil

Karsten-Thilo Raab Von Karsten-Thilo Raab
6 Min. Lesezeit

Mitten in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen liegt mit Christiania ein farbenfrohes Paralleluniversum, in dem Regeln eher Empfehlungen sind und zwischen bunten Hütten sowie selbstgebauten Häusern Kreativität als eine Art Grundrecht gilt.

Wer das ehemalige Kasernengelände im Herzen der dänischen Hauptstadt Kopenhagen betritt, spürt sofort, hier ist etwas anders. Vielleicht liegt es an den bunt bemalten Mauern, vielleicht an der improvisierten Architektur, vielleicht an der Mischung aus Lagerfeuerduft, Freiheit und einem Hauch von Rebellion, der in der Luft liegt. Sicher ist nur: Die dänische Ordnung bleibt am Eingangstor von Christiania zurück, und man selbst tritt ein in ein soziales Experiment, das seit über fünfzig Jahren erstaunlich lebendig ist.

Die Geschichte beginnt im Jahre 1971, als eine Gruppe von Aussteigern, Idealisten und Hausbesetzern beschloss, ein verlassenes Militärgelände in Christianshavn zu ihrem eigenen kleinen Utopia zu erklären. Sie nannten es „Fristad Christiania“, Freistadt Christiania, und formulierten ein Credo, das bis heute gilt: eine selbstverwaltete Gesellschaft zu erschaffen, in der jeder Mensch Verantwortung für das Wohl der Gemeinschaft trägt. Eine Ort ohne Behördenapparat, Bauvorschriften und klassische Hierarchien leben kann.

Zwischen Woodstock und Wikingerdorf

Wer heute durch Christiania spaziert, fühlt sich wie in einer Mischung aus Woodstock, Wikingerdorf und futuristischem Öko-Labor. Die Architektur folgt keiner Norm, keinem Bauamt und keinem rechten Winkel. Neben den einstigen Kasernengemäuern ducken sich Behausungen, die sich in ihrer Bau- und Machart überwiegend als Wildwuchs fernab jeglicher Konventionen erweisen. Manche wirken wie Hobbit-Höhlen, andere wie futuristische Baumhäuser, wieder andere wie Kunstinstallationen, die zufällig bewohnbar sind. Dazwischen Gärten, die eher verwunschen als gepflegt wirken, und Kunstwerke, die plötzlich aus dem Boden zu sprießen scheinen. Überall begegnet man Farben, Formen und Ideen, die sich nicht um Stilrichtungen scheren. Ein Bauwagen wird zur Galerie, ein Schuppen zum Café, eine Wand zur Leinwand.

Die gut 1.000 Bewohner von Christiania leben ohne Autos, ohne Motorräder, ohne Waffen und ohne harte Drogen. Dafür mit viel Kreativität, Gemeinschaftssinn und einer erstaunlichen Portion Pragmatismus. Viele verdienen ihren Lebensunterhalt mit Kunst, Handwerk oder den berühmten Christiania-Fahrrädern, die längst weltweit verkauft werden und so etwas wie das inoffizielle Maskottchen der Freistadt geworden sind.

„You are now leaving the EU“

Der Moment, in dem man die ikonische Markierung „You are now leaving the EU“ überquert, fühlt sich an wie ein kleiner Grenzübertritt. Nicht politisch, sondern atmosphärisch. Plötzlich wird alles ein bisschen bunter, ein bisschen lauter, ein bisschen entspannter. Man hat das Gefühl, in ein Universum einzutreten.

Hier fragt niemand nach einem Plan. Hier fragt man eher, ob man einen Pinsel braucht, um eine Wand zu bemalen. Und wenn man sich umschaut, versteht man schnell, warum: Jede freie Fläche ist eine Leinwand. Jede Mauer erzählt eine Geschichte. Jede Ecke wirkt wie ein improvisiertes Kunstprojekt, das nie ganz fertig wird – und genau darin liegt sein Charme.

Pusher Street und Green Light District

Natürlich kommt man in Christiania nicht an der legendären Pusher Street vorbei, die jahrzehntelang als Zentrum des offenen Cannabis-Handels galt. Heute geht es dort ruhiger zu, doch die Regeln sind klar: Fotografieren verboten. Nicht aus Geheimniskrämerei, sondern aus Respekt vor den Menschen, die hier leben. Wer weitergeht, landet im Green Light District, wo Wandmalereien, Skulpturen und kleine Bühnen für Blickfänge sorgen. Abends erklingen hier Live-Konzerte, manchmal spontan, manchmal angekündigt.

Kunst, Kaffee und Gespräche

Wer glaubt, Christiania sei nur ein Ort zum Staunen, irrt. Man kann hier wunderbar Zeit verbringen – und zwar auf eine Weise, die sich nicht nach Tourismus anfühlt. In der Christiania Art Gallery hängen Werke lokaler Künstler, die oft genauso unkonventionell sind wie ihre Schöpfer. In kleinen Werkstätten entstehen Möbel aus recycelten Materialien, Schmuck aus Fundstücken und Fahrräder.

Zwischendurch lohnt sich ein Stopp in einem der Cafés, wo man vegane Gerichte, selbstgebackenen Kuchen oder einfach einen Kaffee in der Sonne genießen kann. Die Gespräche, die man hier führt, sind oft überraschend tiefgründig. Vielleicht, weil die Menschen in Christiania es gewohnt sind, über Alternativen nachzudenken – zu Lebensmodellen, zu Gesellschaftsstrukturen, zu sich selbst.

Ein Ort, der sich selbst gehört

Lange Zeit war Christiania ein politisches Reizthema. Der Staat und die Stadt Kopenhagen wollte das Gelände räumen, die Bewohner wollten bleiben. Im Jahre 2011 kam es schließlich zu einer Lösung, die so ungewöhnlich ist wie der Ort selbst: Die Einwohner von Christiania kauften ihr eigenes Areal. Für mehr als 76 Millionen Kronen – rund zehn Millionen Euro. Seitdem gehört die Freistadt offiziell den Bewohnern, auch wenn einige Häuser auf Naturschutzflächen weichen mussten. Doch der Geist von Christiania blieb. Vielleicht sogar stärker als zuvor. Denn wer sein Zuhause selbst kauft, verteidigt es nicht nur mit Worten, sondern mit Herzblut.

Geführte Touren mit Bewohnern geben Einblicke in das Leben hinter den bunten Fassaden. Flohmärkte, Saunatreffs und sogar ein Stadterkundungsspiel per App machen Christiania zu einem Ort, an dem man sich stundenlang verlieren kann.

Der andere Blickwinkel

Es ist diese Mischung aus Lässigkeit und Lebendigkeit, die Christiania so einzigartig macht. Man riecht Lagerfeuer, hört Gitarrenklänge, sieht Menschen, die barfuß über Kopfsteinpflaster laufen, und spürt eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Hippietraum und urbanem Experiment schwebt. Kurzum, Christiania ist eine Einladung, die Welt für einen Moment anders zu sehen. Ein bisschen chaotisch, ein bisschen unbequem, aber immer inspirierend.

Informationen: www.christiania.org

Teile diesen Artikel
Karsten-Thilo Raab ist freier Reise-Journalist, Autor und Fotograf für eine Vielzahl von Zeitungen, Magazinen und ist immer wieder auch für uns tätig. Zudem hat er als Autor bislang mehr als 120 Bücher verfasst bzw. an diesen mitgewirkt.